Earth Day

von Christina Vaccaro:

Manchmal frage ich mich, wo wir hier leben…
Jeden Tag berichten Zeitungen, Online-Medien et cetera pp von den neuesten politischen Geschehnissen, von gesellschaftlichen Konflikten in aller Welt, oder von Diebstählen, Unfällen: was die Menschen eben bewegt. Ich blättere in der Zeitung, nehme mir vergeblich vor, nur den einen oder anderen Artikel „schnell“ zu lesen und bleibe dann doch wieder hängen. Die Küchenuhr tickt, die Zeit läuft schnell. Vielen Menschen geht es so – denn sie sind ja wirklich vereinnahmend, diese ganzen Neuigkeiten aus aller Welt. Sie beschäftigen. Sehr.

Doch seien wir ehrlich, wer kann – oder möchte – sich schon die Zeit nehmen, genauer über verschiedenste Geschehnisse und Entwicklungen nachzudenken? Man steht selbst im Leben, hat seinen eigenen Alltag und seine eigenen Themen. Ehrlich, wer denkt eine Stunde nach dem morgendlichen Frühstückszeitungslesen noch über eben erfahrende Dinge nach? Nun ja, schon ein paar Menschen. Zumindest über das eine oder andere Thema; alle sind wohl einfach zu viel. Und tatsächlich: hier und da, am Mittagstisch, wird noch über jenes und dieses diskutiert. Bei besonders gewichtigen Themen vielleicht auch noch beim Abendbrot.

Und dann gibt es sogar jene Themen, die von den Medien ganz groß aufgezogen werden, die täglich die ersten fünf Seiten der Zeitung ausfüllen, die mit riesigen Bildern, den Blick unweigerlich an sich ziehen. Es funktioniert: Die Menschen sprechen darüber, jedeR tut es – die ganze Welt spricht davon, also spricht jedeR mit. Doch das ist nicht der mediale Alltag. Das sind kurzlebige Phasen. Macht man es zu lange, funktioniert es nicht mehr – der Reiz nimmt ab. Das wissen die Medien.

Kann man das jemandem verübeln? Nicht wirklich. So läuft das System nun mal. Die täglichen Anforderungen – Arbeit, Nahrungsaufnahme, Mobilität, Haushalt und Freizeit – halten uns auf Trab. Wir leben eben.

Aber Moment. Irgendetwas fehlt. Mir scheint, es wurde etwas vergessen, etwas sehr Wichtiges, das dem System erheblich fehlt… Ist es nicht merkwürdig, dass die Menschen immer mehr besitzen – im Vergleich zu vor ein paar Jahrzehnten ungeheuer viel mehr – und sich ihre Zufriedenheit gleichzeitig nicht ebenso um dieses Vielfache an Mehr gesteigert hat, sogar eher verringert? Ist es vielleicht möglich, dass Geld und materieller Reichtum nicht die Wege zu einem glücklichen und erfüllten Leben sind? Dass eine Gesellschaft des kurzlebigen  und schnellen Konsums – von (unnötigen) Produkten, über (mediale) Reize hin zu (wirtschaftlicher) Ausbeutung von Arbeitskräften – nicht die Krone der menschlichen Kultur ist, sondern eher deren Tiefgang?

Jetzt ist es mir eingefallen. Es fehlt mir tatsächlich etwas. Irgendwo zwischen den Schlagzeilen und tollen Bildchen in der Zeitung wünsche ich mir ein Bild oder ein Symbol oder einen Satz, der daran erinnern soll, was wesentlich ist, aber im Trubel des Alltags leider allzu schnell vergessen wird. Oder ein leeres Feld, das Raum lässt, für einen Gedanken – den Gedanken, dass Homo sapiens mit seiner Kultur und technischen Entwicklung eingebettet ist in den Begriff „Leben“. Dass Leben etwas Wertvolles ist und darüber hinaus an den Planeten Erde mit seinen Ökosystemen gebunden. Dass wir als Spezies, die sich mit einer künstlichen Welt umgibt, genauso abhängig sind von Boden, Luft und Wasser. Dass wir nicht abseits dieser Kreisläufe stehen, sondern Teil von ihnen sind.

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